Alles zu Amusia bzw. zur unmusikalischen Störung

28 März 2022

Definition von Amusia

Unter Amusie versteht sich ein neuropsychologisches Defizit, das zur Unfähigkeit führt, Musik aufzufassen oder zu musizieren. Dieses Defizit kann sowohl die Erkennung einer bekannten Melodie mit ihrer Tonart, ihrer Klangfarbe und ihrem Rhythmus betreffen – als auch die Harmonie eines Musikstücks. 

Es ist wichtig, diese Störung nicht mit dem unsauberen Intonieren von Tönen („falsch singen“) oder mit einem verminderten Hörvermögen zu verwechseln. Taubheit oder Schwerhörigkeit bedeuten, dass jemand Geräusche und Klänge nicht oder nur mit Schwierigkeit hören kann. Wer hingegen an Amusie leidet, hört Stimmen und Geräusche sehr gut, ist aber nicht fähig, die Intonation von Tönen zu erkennen. Dies ist wiederum unabhängig davon, wer sie erzeugt. In den schwersten Fällen sind Betroffene nicht in der Lage, Melodien zu erkennen oder empfinden diese sogar als irritierend oder unangenehm. 

Seit den achtziger Jahren konzentriert sich die Neuropsychologie der Musik auf die Behandlung dieser Störungen. Heute ist man der Ansicht, dass Amusie bei jüngeren Menschen durch konstantes Üben gelindert werden kann, während sie bei Erwachsenen irreversibel zu sein scheint. Die jüngsten Studien haben berechnet, dass circa 4 % der Weltbevölkerung an angeborener Amusie leidet. 

Berühmte Personen, die an Amusie litten: 

  • Zwei Präsidenten der Vereinigten Staaten, Grant und Roosevelt.
  • Freud, der Begründer der Psychoanalyse.
  •  Che Guevara, über den es eine sympathische Anekdote gibt: es wird erzählt, dass er in einem Tanzsaal begann, einen Tango zu tanzen, während ein ganz anderes Stück gespielt wurde. 

Anzeichen von Unmusikalität

Folgende Anzeichen weisen auf eine Amusie hin: 

  • Unfähigkeit, eine Melodie (ob Tonart oder Klangfarbe) oder den Rhythmus und die Harmonie eines Musikstücks zu erkennen.
  • Unfähigkeit, falsch intonierte Töne in einem Musikstück zu erkennen, sowohl wenn diese von der Person selbst als auch von anderen erzeugt werden.
  • Wahrnehmung von Musik als unangenehm oder lästig.
  • In schweren Fällen: Empfindung von Schmerz beim Hören eines Liedes oder Musikstücks.

Folgen einer Amusie

Wer an Amusie leidet, zeigt also besondere emotionale Reaktionen beim Hören von Musik: manche Menschen beschreiben ihre Empfindungen beim Hören von Musik als unangenehm und lästig, andere definieren diese sogar als Schmerz. Diesen Empfindungen sind die betroffenen Menschen in ihrem alltäglichen Leben unvermeidlich ausgesetzt. 

Was viele Menschen sich nicht vorstellen können, ist, dass eine Amusie soziale Auswirkungen haben kann, die über das Empfinden von Vergnügen beim Anhören eines schönen Musikstücks oder die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Rockmusik und klassischer Musik hinausgehen. Eine Amusie hat auch wichtige Auswirkungen auf die Fähigkeit, bestimmte Sprachen, vor allem tonale Sprachen wie Chinesisch zu verstehen. 

Das kann dazu führen, dass diese Störung auch die Kommunikationsfähigkeit mindert, da sie die aktive und passive Sprachkompetenz beeinträchtigt. Die betroffenen Personen haben sowohl Schwierigkeiten, zu sprechen und sich auszudrücken, als auch zu verstehen, was andere Menschen sagen.   

Wie eine unmusikalische Wahrnehmung erkennen?

Viele Menschen, die an Amusie leiden, sind sich dessen nicht bewusst. Ohne spezifische Voruntersuchungen bzw. Amusie Test ist die Diagnose dieser Beeinträchtigung oft problematisch, vor allem wenn sie nicht mit anderen neurologischen oder neuropsychologischen Störungen einhergeht.

Eine Amusie kann von einem Experten mit einem Hörtest diagnostiziert werden, erfordert jedoch viele verschiedene Untersuchungen, welche im Montrealer Protkoll zur Erkennung von Amusie (MBEA - Montreal Battery of Evaluation of Amusia) beschrieben wurden. Das Protokoll sieht eine Reihe von Tests zur Evaluierung von sechs Komponenten musikalischer Verarbeitung vor: Tonleiter, Konturen, Intervall, Rhythmus, Metrik und musikalisches Gedächtnis. 

Ursachen einer Amusie

Von Amusie betroffene Personen leiden unter einer falschen Wahrnehmung und Übersetzung der von ihrem Ohr erfassten Signale. Grund dafür sind anatomische Defekte oder funktionelle Defekte im Gehirn, die zu einer ausgeprägten Unmusikalität sowohl beim Musikmachen als auch beim Musikhören führen. 

Für gewöhnlich hat eine Amusie ihren Ursprung in Läsionen des nicht-dominanten Temporallappens, in vielen Fällen kann jedoch auch der kontralaterale Lappen beteiligt sein. Wenn auch der linke, untere Teil des Frontallappens betroffen ist, erkennt die betroffene Person nicht einmal die Worte, welche die Musik begleiten.  

Generell kann eine Amusie folgende Ursachen haben: 

  • Angeborene Störungen infolge erblich bedingter genetischer Faktoren.
  • Hirnschäden am Frontallappen.
  • Hirnschäden am Temporallappen.
  • Schäden am Hörkortex.

Zu den Forschern, die sich besonders intensiv mit dieser Störung befasst haben, gehörte Isabelle Peretz von der Université de Montreal in Kanada. Sie hat mehrere wichtige Studien und Abhandlungen zu diesem Thema veröffentlicht, darunter „Prevalence of congenital amusia“ und „The Cognitive Neuroscience of Music“. 

Die verschiedenen Amusie-Arten

Es gibt zwei Arten von Amusie: 

  • Angeborene Amusie: abhängig von genetischen Faktoren; den Schätzungen einer Studie zufolge kann sie in verschiedener Ausprägung bis zu 4 % der Bevölkerung betreffen;
  • Erworbene Amusie: tritt infolge von Hirnschäden am Frontal- oder Temporallappen oder am Hörkortex auf. Für jeden Typ gibt es abhängig von der Ausprägung der Störung außerdem verschiedene Formen der Rhythmustaubheit, die von leichten bis zu stark ausgeprägten Formen reichen. 

Angeborene Amusie oder Tontaubheit

Die angeborene Amusie wird auch als Tontaubheit bezeichnet und durch genetische Faktoren verursacht. Es handelt sich in jeder Hinsicht um eine Störung der musikalischen Fähigkeiten, die nicht durch eine vorhergehende Hirnläsion, einen Hörverlust, kognitive Beeinträchtigungen oder das Fehlen von Umweltreizen erklärt werden kann. 

Sie tritt bei ungefähr 4 % der Bevölkerung auf. Die betroffenen Personen scheinen nicht die musikalischen Fähigkeiten zu besitzen, mit denen die meisten Menschen geboren werden. Eine angeborene Amusie hängt mit anderen Störungen zusammen und zeigt sich oft in Kombination mit Dysphasie oder Dyslexie. 

Zur Information: Bei der Dysphasie handelt es sich um eine Sprechstörung, aufgrund der die Worte nicht nach einem logischen Schema geordnet werden können. Bei der Dyslexie hingegen sprechen wir von einer neurologischen Störung, die mit der Unfähigkeit einhergeht, einen zusammenhängenden Text lesen und verstehen zu können, obwohl jedes einzelne Wort verstanden wird. 

Erworbene Amusie

Eine erworbene Amusie wird hingegen durch einen Hirnschaden am Vorder- oder Temporallappen oder am Hörkortex verursacht und tritt häufiger als eine angeborene Amusie auf. Wer an dieser besonderen Form der Amusie leidet, kann eine erhebliche Anzahl von Läsionen am Vorderlappen und am Hörkortex des Gehirns und am Schläfenbein haben, die von anderen Krankheiten oder Störungen verursacht werden. 

Häufig ist eine erworbene Amusie die Folge eines ischämischen Schlaganfalls (MCA-Infarkt) oder eines Schlaganfalls der mittleren Hirnarterie.

Melodientaubheit

Die Melodientaubheit kennzeichnet sich durch eine gestörte Wahrnehmung von Melodien oder von emotionaler Intonation beim Sprechen. Die Folge davon ist häufig eine emotionslose Antwort, die leicht als Depression missverstanden werden kann. 

Andere unmusikalische Störbilder

Dystimbria

Die Dystimbria ist eine Störung der musikalischen Wahrnehmung, aufgrund der die betroffenen Personen nicht in der Lage sind, verschiedene Klangfarben zu unterscheiden. 

Simultagnosia

Von einer Simultagnosie betroffene Personen sind nicht in der Lage, mehr als ein Element gleichzeitig zu erkennen. Zwar werden die Einzelheiten eines Objekts oder komplexen Bildes erkannt, das Gesamtbild kann jedoch nicht wahrgenommen werden. Es gibt zwei Formen dieser Störung: eine schwere Form, die durch okzipitale und parietale Läsionen verursacht wird, und eine leichtere Form, die auf Läsionen des Okzipital- und Temporallappens zurückgeht. 

Rhythmus- und Takttaubheit

Von einer Rhythmustaubheit sind 2-3 % der Bevölkerung betroffen. Diese Störung besteht in der Unfähigkeit, den Rhythmus von Melodien oder Tönen wahrzunehmen. Bei einer leichteren Ausprägung kann diese Störung generell durch konstante musikalische Übungen verbessert und abgemildert werden. 

Amusie oder Dysmusie?

Eine Amusie darf nicht mit einer Dsymusie bzw. musikalischen Dyslexie verwechselt werden. Darunter verstehen sich Probleme beim Lesen von Noten oder Symbolen der Musiksprache. Es war Neil Gordon, der im Jahr 2000 die Hypothese aufstellte, dass diese Störung existiert. Eine Dysmusie unterscheidet sich wiederum von einer Misophonie, die zu einer starken Unverträglichkeit bestimmter Geräusche führt und oft mit wütenden Reaktionen, Angstzuständen und Panik einhergehen kann.

Behandlung von Amusie

Einige Musikexperten wie zum Beispiel W. A. Mathieu – Komponist, Pianist und Dirigent – haben sich der angeborenen Amusie (Tontaubheit) bei Erwachsenen gewidmet und sind der Ansicht, dass diese durch Übung und Training korrigiert werden kann.

Im Gegensatz dazu kann im Falle einer erworbenen Amusie durch einen Schlaganfall in der Zeit nach dem Schlaganfall eine Besserung eintreten, wenn die Störung auf eine Reihe kognitiver Fähigkeiten zurückzuführen ist. Diese Fähigkeiten umfassen vor allem die Aufmerksamkeit, die exekutiven Funktionen und das Arbeitsgedächtnis.   

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