5. Wenn es im Ohr rauscht - Tinnitus oder Rauschen im Ohr

1. Lärmkrankheit
2. Urbanisierung als Hauptursache der Lärmbelastung
3. Wie reagieren wir auf Lärm?
4. Lärmprävention: lärmbedingten Hörschäden vorbeugen
5. Wenn es im Ohr "rauscht"
6. Vertiefung 5. Teil: Tinnitus und Hyperakusis
7. "Let's make noise" 

Dies ist die Webversion des Konsensuspapieres. Auf der Seite "Auswirkungen des Lärms" können Sie die Publikation kostenlos als PDF- oder Print-Version anfordern.

Durch Lärm hervorgerufener Schaden des auditorischen Systems und dessen Behebung

Eine intensive und andauernde Lärmexposition kann anatomische und funktionelle Ohrenschäden verursachen. Durch sehr laute Geräusche (wie z. B. Explosionen) kann die Mittelohrmembran (das Trommelfell) perforiert werden. Intensive, aber kurzzeitige Geräusche können eine akute Dysfunktion der Haarzellen des Innenohres verursachen. Ein ähnlicher Schaden tritt - wenn auch langfristig - in der häufigsten Situation auf: eine andauernde Exposition gegenüber Geräuschen von über 75 – 85 Dezibel (dBA), wobei man davon ausgeht, dass Werte unterhalb dieser Schwelle bei den meisten Menschen keinen Schaden anrichten. Die Anfälligkeit für Lärmschäden variiert deutlich bei verschiedenen Menschen, und zwar in Abhängigkeit von der genetischen Prädisposition, der allgemeinen kardiovaskulären Gesundheit, der Ernährung, dem Alkoholkonsum, dem Rauchen und unbekannten Faktoren. Umgebungsgeräusche sind durch niedrige Frequenzen charakterisiert, wie z. B.

Fahrzeuglärm, die im Allgemeinen weniger Schaden anrichten als Geräusche mit hohen Frequenzen, z. B. Maschinenlärm. Bei einer bestimmten Intensität ist ein Schallimpuls, wie er z. B. von einem Bohrhammer verursacht wird, schädlicher als ein relativ gleichmäßiges Geräusch, das z. B. von einem vorbeifahrenden Zug herrührt.

Unabhängig von der Art des verursachenden Lärms beeinträchtigt der Verlust zunächst einmal die Haarzellen und Neuronen, die auf Frequenzen zwischen 3 und 6 kHz abgestimmt sind. Daher zeigt sich eine Schädigung durch einen "Einschnitt" im Audiogramm, der normalerweise in der Nähe von 4 kHz lokalisiert ist, wie der Abbildung 1 entnommen werden kann. Bei einer andauernden Exposition kann sich der Verlust auch über die angrenzenden Frequenzen erstrecken, wie z. B. im Bereich zwischen 2 und 8 kHz. Normalerweise schreitet der Hörverlust in den ersten 10 Jahren der Lärmexposition schneller voran und neigt dazu, sich zwischen dem 11. und 20. Jahr der Lärmexposition zu stabilisieren, wie in Abbildung 2 dargestellt ist.

1. Typisches Audiogramm für ein akustisches Trauma
 

Eine einzige Exposition gegenüber intensivem Lärm kann zu zeitweisen Veränderungen des Hörens führen, z.B. zu einer vorübergehenden Erhöhung der Schwelle für die Wahrnehmung von Tönen, die mithilfeeines Audiogramms gemessen werden kann, sowie zu einer verzerrten Wahrnehmung von bestimmten Geräuschen und Tinnitus. Bis vor einigen Jahren glaubte man noch, dass aufgrund der Tatsache, dass diese Veränderungen nur zeitweise auftreten, diese keinen permanenten Gehörschaden reflektieren würden. Aufgrund von Tierstudien gibt es jedoch aktuelle Belege dafür, dass Lärmexpositionen, die einen "zeitweisen" Hörverlust bewirken, eine Degeneration der Neuronen im Gehörnerv verursachen können; dies scheint auch beim Menschen der Fall zu sein. Das Audiogramm geht in den Normalzustand zurück, weil nur einige wenige Neuronen benötigt werden, um ein Geräusch wahrzunehmen, während viele Neuronen benötigt werden, um zwischen verschiedenen Geräuschen zu unterscheiden, insbesondere um jemanden zu verstehen, der inmitten von lauter Hintergrundgeräuschen spricht. Daher kann Lärm zu Schädigungen des auditorischen Systems führen, die nicht durch ein Audiogramm erfasst werden, aber die Fähigkeit zum Verstehen einer Konversation in einer lauten Umgebung beeinträchtigen können.

2. Evolution eines chronischen berufsbedingten akustischen Traumas

All dies deutet auf einen Bedarf an neuen Testmethoden hin, mit denen lärminduzierte neuronale Schäden gemessen werden können, und, was noch wichtiger ist, auf die Notwendigkeit einer Neubewertung von sicheren Lärmexpositionen. Die aktuellen Expositionsgrenzen basieren vollständig auf Audiogrammen, aber ein Audiogramm, das in den Normalzustand zurückkehrt, beweist nicht unbedingt, dass keine Nervenschädigung aufgetreten ist. Die aktuelle Sicherheitsgrenze, die bei 85 Dezibel (dBA) über einen Zeitraum von acht Stunden liegt (mit einer "sicheren" Expositionszeit, die sich für jede Steigerung des Geräuschpegels um 3 Dezibel halbiert), sollte wohl einer Überprüfung unterzogen werden, da auch bei Einhaltung der "sicheren" Grenze neuronale Schäden auftreten können und die Schwelle in vielen Situationen stark überschritten wird. Die Musik in Discos kann Geräuschpegel von 110 Dezibel (dBA) erreichen, eine Situation, die gemäß den aktuellen Sicherheitsgrenzen für einen Zeitraum von weniger als einer Stunde als akzeptabel angesehen wird. Der Geräuschpegel bei Rockkonzerten kann 120 Dezibel(dBA) übersteigen, eine "Dosis", die schon als gefährlich angesehen wird, wenn man ihr nur einige Sekunden ausgesetzt ist.

 

Welche Auswirkungen hat ein akustisches Trauma?

Die alltäglichen Auswirkungen eines akustischen Traumas stehen in keinem engen Zusammenhang mit dem Ausmaß des Hörverlustes entsprechend der Messung mittels Audiogramm. Wie in Abbildung 3 dargestellt wird, bestehen die häufigsten Probleme in der Schwierigkeit, Menschen zu verstehen, die in lauten Umgebungen und im Fernsehen reden, sowie beim Hören des Telefon- oder Türklingelns. Die häufigste Störung besteht in Kommunikationsschwierigkeiten, insbesondere unter älteren Menschen, denen es schwerfällt, sprechende Menschen in einer lärmbelasteten Umgebung zu verstehen, selbst wenn ihr Audiogramm normal ausfällt. Dies ist teilweise auf eine altersbedingte Nervendegeneration und zum anderen Teil auf die Lärmexposition zurückzuführen sowie als Folgeerscheinung des Abbaus der kognitiven Leistungsfähigkeit anzusehen.

3. Symptome eines chronischen akustischen Traumas

Unabhängig von der Ursache kann ein Hörverlust und die daraus resultierende Unfähigkeit, einem Gespräch in einem Umfeld mit Hintergrundgeräuschen angemessen folgen zu können, zu sozialer Isolation, Depressionen und einem beschleunigten Abbau der kognitiven Leistungsfähigkeit führen. Demzufolge ist es notwendig, die Menschen dahingehend zu schulen, dass sie die Symptome eines Hörverlustes erkennen können, sodass sie bei Bedarf einen Arzt zur Bestätigung der Diagnose kontaktieren sowie sich geeignete Unterstützung beschaffen können. Ebenso wichtig ist es, das Stigma zu beseitigen, das mit einem Hörverlust assoziiert ist, sodass die Menschen, die mit dieser Herausforderung konfrontiert sind, tatsächlich die notwendigen Maßnahmen ergreifen, um wieder besser hören und leben zu können. Derzeit verwenden nur 20 % der Menschen, die Hörgeräte benötigen, diese auch tatsächlich, und zwar weil ihnen deren Benutzung peinlich ist oder weil sie sich ihrem Problem nicht stellen möchten, obwohl die neuesten Geräte kaum sichtbar sind und deren Performance sich kontinuierlich verbessert hat. Beispielsweise kann die moderne digitale Technologie die Schwierigkeiten mancher Personen verringern, die hohe Frequenzen nicht gut hören und durch Lärm mit hoher Intensität gestört werden, dadurch diese Faktoren die Geräuschverstärkung durch ein herkömmliches Hörgerät erschwert wird.

 

Einem Hörverlust mit Hörgeräten entgegenwirken

Die negativen Auswirkungen einer verzerrten Wahrnehmung auf das Hörverständnis können beträchtlich verringert werden, indem man den Lärm in den verstärkten Geräuschen durch die Verwendung von Richtmikrofonen reduziert und die Verstärkung von lauten Geräuschen abschwächt. Dennoch muss darauf hingewiesen werden, dass Hörgeräte den Menschen immer noch nur begrenzt helfen können, ein Gespräch in einem lärmbelasteten Umfeld zu verstehen, was die schwierigste Situation für Personen mit lärminduziertem akustischem Trauma darstellt. Richtmikrofone können helfen, die Stimme einer Person anzupeilen, die sich direkt vor dem Nutzer befindet, aber sie sind weniger wirksam bei Geräuschen, die aus einer anderen Richtung kommen, oder falls ein Nachhall präsent ist (z. B. in Kirchen). Richtmikrofone bringen auch nur einen eingeschränkten Nutzen bei Personen, die "offene" Hörgeräte tragen, da deren Gehörgang zum Teil offen bleibt und der direktionale Effekt dadurch teilweise verlorengeht. Offene Hörgeräte werden häufig von Menschen mit lärminduziertem Hörverlust getragen, da sie immer noch in der Lage sind, niedrige Frequenzen auf natürlichem Wege zu hören, ohne dabei durch ein Hörgerät unterstützt zu werden. Einige Menschen halten Hörgeräte für sehr nutzbringend, während andere Personen sie als kaum hilfreich betrachten. Die Faktoren, die dieser individuellen Variabilität zugrunde liegen, sind noch wenig erforscht, daher werden Studien benötigt, um die Faktoren zu ermitteln, die den Nutzen von Hörgeräten beeinflussen, und um festzustellen, wie Geräusche bearbeitet werden müssen, um den größten Nutzen für spezifische Patienten zu erzielen.

Die bisherigen Forschungsergebnisse besagen, dass eine Messgröße, die in einigen wenigen Kliniken weltweit verwendet wird, die Fähigkeit besitzen könnte, den Erfolg des Einsatzes eines Hörgerätes vorherzusagen. Diese Messgröße ist unter der Bezeichnung "akzeptabler Geräuschpegel" (acceptable noiselevel/ANL) bekannt. Bei einem ANL-Test wird festgestellt, inwieweit der Zuhörer gewillt ist, Hintergrundgeräusche zu akzeptieren, während er einer Geschichte lauscht. Dieser Test kann relativ schnell durchgeführt werden. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass es sich bei einem ANL-Test weder um einen Test des Hörverständnisses/der Sprachverständlichkeit noch um eine Toleranzmessung handelt. Einige Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass es sich bei Personen, die eine große Menge an Hintergrundgeräuschen akzeptieren können, während sie einem Gespräch folgen, um potenzielle Hörgerätebenutzer handeln könnte. Während die Forschung hinsichtlich der Vorhersagekraft des ANL Tests derzeit noch umstritten ist scheint es dennoch möglich, dass ein ANL-Test den Hörgeräteanbietern einen Hinweis darauf gibt, wie wahrscheinlich die Akzeptanz eines Hörgerätes sein wird, sodass der Test die Anbieter bei der Programmierung der Hörgeräte und/oder bei der Rehabilitationsberatung der Personen, die ein Hörgerät wünschen, unterstützen kann.

Menschen mit Hörverlust stehen viele unterstützende Hilfsmittel zur Verfügung, z. B. Mini-Mikrofone, die in der Nähe des Mundes der Person platziert werden können, der die betroffene Person zuhören möchte. Diese Geräte verstärken die Stimme und übertragen sie über ein drahtloses System zum Hörgerät. Heute gibt es sinnvolle Möglichkeiten zur Unterstützung bei den meisten Arten von Hörverlusten, und zwar dank den wichtigen Beiträgen und der professionellen Expertise von Hörgerätespezialisten. Diese Experten können Geräte anpassen, die immer mehr tragbaren Minicomputern ähneln, die derart gestaltet sind, dass sie drahtlos mit anderen Geräten wie Smartphones, Fernsehgeräten und Smartwatches verbunden werden können. Diese Geräte können außerdem Signale an Hörgeräte senden, um die Kommunikation, das Wohlbefinden und die Lebensqualität des Nutzers zu verbessern. Systeme, die akustische Signale mittels magnetischer Induktion, Bluetooth oder Wi-Fi übertragen, können in geschlossenen Umgebungen verwendet werden, wie z. B. in Klassenzimmern, Kinos, Theatern und Kirchen, da sie Hintergrundgeräusche reduzieren. Eine weit verbreitete Verwendung derartiger technischer Geräte kann die Lebensqualität von Menschen mit Hörgeräten erheblich verbessern und deren negativen psychischen Effekt reduzieren, der immer noch ein Hauptgrund dafür ist, dass viele Menschen derzeit lieber auf ein Hörgerät verzichten.

 

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