stage alt text
Stigma und soziales Umfeld:

Soziale Prädiktoren für den Kauf eines Hörgeräts

Welche Rolle spielen Stigmatisierung, die Zusammensetzung des sozialen Netzwerks, soziale Unterstützung und Einsamkeit?

In dieser Studie wurden soziale Faktoren untersucht, die als Hindernisse für die Nutzung von Hörgeräten wirken können. Die Forscher befragten ältere Erwachsene ohne vorherige Erfahrung im Bereich der Hörgesundheit zu vier zentralen sozialen Faktoren – Stigmatisierung, Zusammensetzung des sozialen Netzwerks, soziale Unterstützung und Einsamkeit – sowie zu demografischen Merkmalen und dem Inventory for the Elderly – Short Form (HHIE-S). Die Ergebnisse liefern neue quantitative Belege für den Einfluss sozialer Faktoren auf die Nutzung von Hörgeräten.

Einleitung

Die Rolle sozialer Einflüsse bei der Vorhersage der Akzeptanz von Hörgeräten wurde bislang nur in wenigen Studien untersucht. Diese neuartige Studie untersuchte vier  soziale Faktoren, die die Akzeptanz von Hörgeräten (HA) bei älteren Erwachsenen beeinflussen könnten:

- Stigmatisierung

  • Im Zusammenhang mit dem Alter
  • Im Zusammenhang mit Hörverlust (HL)/Hörgeräten
     

- Zusammensetzung des sozialen Netzwerks

  • Soziale Ansteckung, d. h. wie die Einstellungen und das Verhalten von Individuen durch die anderer Personen in ihrem sozialen Umfeld geprägt werden.
     

- Soziale Unterstützung

- Einsamkeit

 

Die Autoren stellten vier Hypothesen auf:

  1. Teilnehmer mit einer negativen Wahrnehmung von Stigmatisierung in Bezug auf HL und/oder das Älterwerden würden eine geringere Wahrscheinlichkeit für die Nutzung von Hörgeräten aufweisen.

  2. Die Teilnehmer würden Hörgeräte eher annehmen, wenn eine oder mehrere Personen in ihrer sozialen Gruppe einen Hörverlust hätten.

  3. Teilnehmer, die ein höheres Maß an sozialer Unterstützung angaben, würden eine höhere Akzeptanzrate von Hörgeräten aufweisen.

  4. Teilnehmer, die ein höheres Maß an Einsamkeit angaben, wären motivierter, Hilfe bei Hörproblemen in Anspruch zu nehmen.

Methodik

Die Studiendaten wurden über einen Zeitraum von etwa einem Jahr von April 2018 bis Mai 2019 erhoben. Teilnehmer im Alter von 50 Jahren oder älter ohne vorbestehende Hörminderung wurden in 130 Hörakustikpraxen in Kanada rekrutiert. Jeder Teilnehmer wurde von einem Audiologen oder Hörgeräteakustiker untersucht. Zu den Einschlusskriterien gehörte eine Hörschwelle von mehr als 26 dB HL im besseren Ohr. Die Teilnehmer wurden über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten und bis zu 15 Monaten beobachtet. Insgesamt wurden 735 Teilnehmer mit vollständigen Datensätzen in die Analyse einbezogen.

Die Datenerhebung erfolgte mittels eines maßgeschneiderten Fragebogens mit 56 Fragen, der zwei Hauptbereiche umfasste: die wahrgenommene Hörfähigkeit und Aspekte des sozialen Umfelds. Der Fragebogen enthielt Fragen zur demografischen Zusammensetzung der Teilnehmer sowie Fragen aus der Age Stigma Consciousness Scale, dem Hearing Aid Stigma sowie aus dem Social Network and Contagion, das von den Autoren speziell für diese Umfrage entwickelt wurde. Die Umfrage enthielt außerdem einen Fragepunkt zur Einsamkeit aus der Canadian Longitudinal Study of Aging, Fragen aus der Oslo-3-Skala zur sozialen Unterstützung, alle zehn Fragen aus dem Hearing Handicap Inventory for the Elderly – Short Form (HHIE-S) sowie den Subjective Age Questionnaire.

Statistische Methode

Zur Vorhersage der Wahrscheinlichkeit eines Hörgerätekaufs auf der Grundlage von 28 Variablen wurden die penalisierte logistische Regression und die Klassifikationsbaumanalyse verwendet.

Ergebnisse

Die Studienergebnisse zeigten, dass die Ergebnisse hinsichtlich des Hörgerätekaufs am besten durch vier Faktoren vorhergesagt werden konnten:

  1. Das Alter der Teilnehmer erwies sich als der aussagekräftigste Prädiktor, wobei insbesondere ein Anstieg der Kaufwahrscheinlichkeit um 5 % pro Lebensjahr hervorzuheben ist.

  2. Das empfundene Hörhandicap, gemessen anhand des HHIE-S, stellte sich als zweitwichtigster Prädiktor für die Nutzung von Hörgeräten heraus.

  3. Der Stigma-Wert in Bezug auf Hörgeräte war ein signifikanter Prädiktor für den Kauf von Hörgeräten, während das altersbedingte Stigma dies nicht war.

  4. Soziale Exposition, d. h. die binäre soziale Variable, sozialen Kontakt zu einer Person mit vermutetem Hörverlust zu haben, verdoppelte die Wahrscheinlichkeit eines Hörgerätekaufs.

  5. Bemerkenswerterweise waren weder Einsamkeit noch die objektive Hörfähigkeit signifikante Prädiktoren für den Kauf eines Hörgeräts.

Einschränkungen der Studie

Diese Studie ist korrelativer Natur, daher können die in dieser Studie identifizierten signifikanten prädiktiven Variablen nicht als kausale Faktoren für den Kauf eines Hörgeräts interpretiert werden. Da diese Untersuchung zudem auf selbstberichteten Daten beruhte, führten unvollständige Umfrageantworten zu einigen Lücken in den Umfragedaten.

Schließlich war die Gruppe der Teilnehmer mit Hörverlust älter (> 50 Jahre) als die ausgeschlossene Gruppe mit normalem Hörvermögen (<50 Jahre).

Schlussfolgerungen

Die Ergebnisse dieser Studie liefern neue, quantifizierbare Belege dafür, dass das Stigma von Hörgeräten die Entscheidung für den Kauf eines Hörgeräts erheblich beeinflusst. Darüber hinaus unterstützt diese Studie die Wirksamkeit von Selbstbewertungsinstrumenten wie dem HHIE-S, um die emotionalen und sozialen Auswirkungen von Hörverlust vollständig zu erfassen. Während diese Studie ergab, dass soziale Unterstützung nur einen geringen Einfluss auf den Kauf eines Hörgeräts hatte, waren Teilnehmer, die angaben, mindestens eine Person mit Hörverlust zu kennen, eher bereit.


Quelle:
Singh G., Goy H., Wright-Whyte K., et al.
Ear Hear. (2025): 46(5), 1149–1163. doi:
10.1097/AUD.0000000000001656. Epub
28. März 2025. PMID: 40148265; PMCID:
PMC12352571.
von Carrie Meyer – Vereinigte Staaten

Ihr nächster Schritt mit Amplifon

Online Termin für kostenfreie Beratung

Termin buchen

Schneller Online-Hörtest in 3 Minuten

Test starten

Filialsuche in Ihrer Umgebung

Filiale finden