2. Urbanisierung als Hauptursache der Lärmbelastung

1. Lärmkrankheit
2. Urbanisierung als Hauptursache der Lärmbelastung
3. Wie reagieren wir auf Lärm?
4. Lärmprävention: lärmbedingten Hörschäden vorbeugen
5. Wenn es im Ohr "rauscht"
6. Vertiefung 5. Teil: Tinnitus und Hyperakusis
7. "Let's make noise" 

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Lärm stellte vor der industriellen Revolution in den ländlichen Gesellschaften kein Problem dar. Die Lärmbelastung verbreitete sich erst in der modernen Welt und wurde zu einem weiterhin wachsenden Problem unseres heutigen Lebens. Die Urbanisierung ist eine der Hauptursachen für die erhöhte Exposition gegenüber exzessivem Lärm, aber auch die Lebensweise von heute führt dazu, dass wir ständig von lauten Hintergrundgeräuschen umgeben sind. Wie durch die Daten der Umfrage von GfK Eurisko bestätigt wird, sind Ballungsräume ausnahmslos laut. In New York City, der Stadt, die niemals schläft, ist die Wahrnehmung der exzessiven

Exposition gegenüber sehr lauten Geräuschen höher als anderenorts. Bereits in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts ist beobachtet worden, dass die audiometrische Schwelle des geringsten wahrnehmbaren Geräusches bei Stadtbewohnern höher lag als bei Bewohnern von ländlichen Gegenden (Abbildung 1). Seitdem hat die Lärmbelästigung immer weiter zugenommen, und junge Leute, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts untersucht worden sind, wiesen bessere audiometrische Schwellen auf als Gleichaltrige, die in den darauffolgenden Jahrzehnten untersucht wurden. Dieses Phänomen, welches als Soziakusis (nicht beruflich bedingter Hörverlust) bezeichnet wird, betrifft eine wachsende Anzahl von Menschen, nicht zuletzt durch die steigende Anzahl der exponierten Personen bei einer fortschreitenden Urbanisierung. Mit der Ausdehnung der Städte scheint auch die Schwere der durch Lärm ausgelösten Beschwerden anzusteigen. Tatsache ist, dass 51 % der Bewohner von Ballungsräumen den Lärm als Problem ansehen, dies ist hingegen nur bei 9 % der Bewohner von Ortschaften mit weniger als 2.000 Einwohnern der Fall.

1. Altersbasierte, durchschnittliche  audiometrische Schwelle
bei sehr geringer (gelb), geringer (orange) und einer Lärmexposition in urbanen Lebensräumen (rot)

 

Gehörschädigung durch die moderne Lebensweise

Die Lebensweisen, die sich im Laufe der Urbanisierung und Modernisierung entwickelt haben, sorgen für eine Verschärfung des Problems. Tatsache ist, dass Gehörschäden durch Faktoren wie Alkoholismus, Rauchen, Adipositas, Bluthochdruck, Diabetes und einen zu hohen Cholesterinspiegel verschlimmert werden, wobei diese Faktoren heutzutage eine höhere Inzidenz haben als in der Vergangenheit. Des Weiteren hat sich der Umgang mit Musik beträchtlich verändert. Im Laufe der letzten 40 Jahre haben Discos Geräuschpegel erreicht, die das Gehör jedes regelmäßigen, sich lange in Discos aufhaltenden Besuchers schädigen können. Die Angewohnheit, Musik über Kopfhörer anzuhören, ist insbesondere während der letzten 20 Jahre zu einem Massenphänomen geworden. Einige Geräte können maximale Geräuschpegel von 120 Dezibel (dB SPL) erreichen, und das gewohnheitsmäßige Musikhören über einen längeren Zeitraum erfolgt häufig bei Geräuschpegeln von etwa 100 dB SPL. Etwa 90 % der jungen Leute im Alter von 12 bis 19 Jahren verwenden Abspielgeräte wie mp3-Player. Die Hälfte von ihnen gibt an, Musik bei hoher Lautstärke zu hören, und eine von drei Personen sagt, dass sie das Gerät sehr oft benutzt. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Dauer der Verwendung und der audiometrischen Schwelle; je länger die Exposition gegenüber Musik über Kopfhörer andauert, umso größer ist der Hörverlust(Abbildung 2). Die Schäden sind besonders signifikant bei sehr anfälligen Personengruppen, die beträchtliche, wenn auch subtile Schäden durch den Lärm erleiden. Eine Gehörschädigung entwickelt sich langsam und progressiv. Daher bleibt sie häufig unentdeckt, zumindest in den frühen Stadien.

2. Audiometrische Schwelle nach mp3-Player-Benutzung
 

Heutzutage wird eine Lärmexposition als nicht schädigend angesehen, wenn sie nicht mehr als acht Stunden pro Tag bei einem Geräuschpegel von unter 80 Dezibel (dBA) andauert. Dieser Schwellenwert kann durch einige der herrschenden Lärmbedingungen in Großstädten leicht überschritten werden, und zwar über einen langen Zeitraum. Gemäß den Daten aus der Umfrage von GfK Eurisko ist der Lärm, dem wir in Großstädten am häufigsten ausgesetzt sind, intensiver Art, z. B. Straßenverkehrslärm (80dBA), Bohrungen auf Baustellen (105 dBA) und Krankenwagensirenen (115 dBA). Des Weiteren sind wir auch von weniger intensiven, aber dennoch ständig vorhandenen Hintergrundgeräuschen umgeben, die von klingelnden Mobiltelefonen bis zu Haushaltsgeräten reichen sowie von Musik bis zu Gesprächen an Orten mit großen Menschenansammlungen, wobei diese Geräusche Werte von über 85 Dezibel (dBA) erreichen. Dieses nicht abgrenzbare Chaos führt zu einem exzessiven und anhaltenden Geräuschstimulus, der sich nicht nur negativ auf die Gesundheit auswirkt, und zwar insbesondere bei Menschen mit Hörverlust, sondern auch beträchtliche soziale und wirtschaftliche Auswirkungen haben kann. Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation/Europa (WHO/Europe) gehen jedes Jahr mindestens eine Million gesunde Lebensjahre aufgrund der Lärmbelästigung in Westeuropa verloren.

 

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