6. Tinnitus und Hyperakusis

1. Lärmkrankheit
2. Urbanisierung als Hauptursache der Lärmbelastung
3. Wie reagieren wir auf Lärm?
4. Lärmprävention: lärmbedingten Hörschäden vorbeugen
5. Wenn es im Ohr "rauscht"
6. Tinnitus und Hyperakusis
7. "Let's make noise"

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Zwei wichtige "Nebenwirkungen" des Lärms

Exzessiver Lärm ist nicht nur mit der Erzeugung von Hörverlusten assoziiert, sondern auch mit zwei spezifischen Hörstörungen, die häufig gemeinsam auftreten, nämlich Tinnitus und Hyperakusis. Tinnitus wird als die "auditive Wahrnehmung von Phantomgeräuschen" betrachtet, die nicht von externen Quellen erzeugt werden, betrifft 10 bis 25 % der Bevölkerung mindestens einmal während ihres Lebens und persistiert in etwa 4 % der Fälle. Bei Hyperakusis handelt es sich um eine Intoleranz gegenüber externen Geräuschen geringer oder mittlerer Ausprägung, die normalerweise von anderen Menschen toleriert werden. Sie tritt bei etwa 10 % der Bevölkerung auf und erreicht Spitzenwerte von 17 % bei jungen Leuten und Heranwachsenden. Diese Erkrankung kann die Betroffenen veranlassen, aus der lärmbelasteten Umgebung zu "fliehen", und sie kann mit einer exzessiven Schutzhaltung, Phonophobie (Angst vor Geräuschen), Misophonie (Abneigung gegenüber spezifischen Geräuschen) und psychopathologischen Erkrankungen assoziiert sein. Eine Zusammenfassung der möglichen Auswirkungen der Lärmexposition auf das Gehör ist in Tabelle unten enthalten.

Beide Erkrankungen treten häufiger bei Menschen mit Hörverlusten jeder Art auf, wobei jedoch lärmassoziierter Hörverlust eine wesentliche Ursache für Tinnitus darstellt, was selbst bei Kindern der Fall ist. Im Gegensatz dazu scheint die Korrelation zwischen Hyperakusis und akustischem Trauma trotz des häufigen Vorkommens weniger eindeutig zu sein. Tinnitus und Hyperakusis sind sehr oft miteinander assoziiert und können sich nacheinander oder nebeneinander entwickeln. 40 % der Menschen, die an Tinnitus leiden, klagen auch über Hyperakusis, und 80 % der von Hyperakusis Betroffenen haben auch Tinnitus. Tinnitus tritt in Abwesenheit von Lärm auf, weswegen Stille als negativer Faktor betrachtet wird, während mittellaute Umgebungen als "Zufluchtsorte" angesehen werden, da moderater Lärm bei einigen Menschen den Tinnitus "überdecken" und dadurch das Symptom kaschieren kann. Im Falle von Hyperakusis kann schon leichter Lärm als "feindlich" oder "aggressiv" angesehen werden, weswegen die Stille ein Zufluchtsort für Menschen ist, die an Hyperakusis leiden.

Tinnitus liegen viele Mechanismen zugrunde, Schätzungen zufolge sollen mindestens die Hälfte der Fälle audiogenen Ursprungs sein, d. h., dass die Erkrankung durch Deafferenzierung oder sensorische Hördeprivation verursacht wird. Der "Abfall" des Signals, das an das Gehirn gesendet wird, welcher zum Beispiel durch lärminduzierten Hörverlust verursacht werden kann, führt zu einer Erhöhung der "Zunahme" oder "Verstärkung", die durch zentralere Mechanismen ausgeführt wird, wodurch Veränderungen in der neuronalen Aktivität ausgelöst werden (was beispielsweise eine Erhöhung der spontanen elektrischen Aktivität im Hirnstamm oder im auditorischen Kortex nach sich zieht). Im Laufe der Zeit werden diese Veränderungen immer "zentraler" und unabhängiger, was die peripheren Hörorgane anbetrifft. Die Frequenz der Symptome und der Erfolg oder Misserfolg der Behandlung hängen vom Grad und der Art der kurzfristigen, mittelfristigen und langfristigen neuroplastischen Prozesse ab.

Über die Ursachen von Hyperakusis stehen weniger Informationen zur Verfügung, obwohl in diesem Bereich immer mehr Studien durchgeführt werden, was auf die psychischen und sozialen Auswirkungen und die insbesondere bei jungen Leuten wachsende Inzidenz zurückzuführen ist. Hyperakusis ist eng mit der Präsenz von Lärm verbunden. In der Praxis kann sich Hyperakusis weder manifestieren noch weiterentwickeln, wenn Stille herrscht, daher muss der Auslöser in neurologischen, chemischen und elektrophysiologischen Veränderungen zu finden sein, die durch Lärm verursacht werden, und zwar gemeinsam mit biologischen und psychischen Mechanismen mit prädisponierender oder vorantreibender Wirkung. Hyperakusis ist sicherlich nicht nur auf Schäden des peripheren auditiven Systems zurückzuführen, auch wenn sie häufig durch eine exzessive Lärmexposition ausgelöst wird. Eine Theorie besagt, dass der Serotonin-Metabolismus gestört sein könnte. Gemäß den Daten aus Tierstudien können beispielsweise sogar moderate, frühe Hörstörungen, die durch eine wiederkehrende Mittelohrentzündung verursacht werden, einen Risikofaktor für eine spätere Hyperakusis darstellen, da sie zu einer abnormalen Lärmwahrnehmung führen können. Diese Erkrankung ist häufig mit einer autistischen Störung assoziiert, die in 18 % der Fälle vorliegt, sowie mit anderen sensorischen Abnormitäten, z. B. der Intoleranz gegenüber Licht und Gerüchen. Hyperakusis kann bei Kindern im Alter von unter acht Jahren festgestellt werden, da einige Verhaltensmuster in Reaktion auf Lärm mittlerer Intensität unverkennbar sind (die Ohren mit den Händen zuhalten, weinen, verängstigt aussehen und wegrennen). Wie auch bei Erwachsenen wird die Hyperakusis anfangs nur durch spezifische Geräusche ausgelöst, wobei eine Progression möglich ist, sodass auch andere Arten von Stimuli (vom Geräusch bestimmter Spielzeuge bis hin zu einigen oder vielen Stimmen) die entsprechende Reaktion bewirken können.

1. Mögliche Auswirkungen einer Lärmexposition
 

 

Lärm und Tinnitus

Tinnitus, der nach einer Lärmexposition auftritt, kann reversibel sein, wenn die Exposition nur von mittlerer Dauer und/oder Schwere ist, in Fällen mit einer exzessiven Exposition kann der Tinnitus jedoch persistieren. Ein peripheres Gehörleiden bewirkt eine Reduzierung der sensorischen Eindrücke, wodurch Tinnitus ausgelöst werden kann. Außerdem besteht eine sofortige, direkte Assoziation zwischen Lärm und der Verschlechterung von Symptomen, aber die Verbindung scheint noch tiefer zu gehen. Lärm verursacht eine "Verstimmung", d. h. einen Zustand, dem mehrere Faktoren zugrunde liegen und der in Populationen auftritt, die Lärmpegeln ausgesetzt sind, die nicht schädlich für das auditorische System sind, aber dennoch zu psychischen, biologischen und sozialen Veränderungen führen. Eine Verstimmung tritt auf Flughäfen, in industrieller Umgebung und auf Baustellen mit starkem Verkehr auf. Sie ist die Ursache und Folge einer "übermäßigen Wachsamkeit" und mit Schlafstörungen assoziiert, die wiederum mit Tinnitus assoziiert sind. Aus diesem Grund werden Studien zu der komplexen Beziehung zwischen lärmassoziiertem Tinnitus, Schlaflosigkeit und übermäßiger Wachsamkeit durchgeführt, bei denen sich Korrelationen zwischen zerebraler Aktivierung, einer Hyperaktivität des sympathischen Nervensystems sowie Tinnitus zu zeigen beginnen.

 

Lärm und Hyperakusis

Zwischen Lärmexposition und Hyperakusis besteht ein Zusammenhang, und zwar sowohl, weil Lärm notwendig ist, damit sich die Symptome manifestieren, als auch, weil der Lärm eine übermäßige Wachsamkeit auslöst, die die Symptome verschlimmern kann und chronisch werden lässt. Demzufolge besteht eine enge Verbindung zwischen Verstimmung und Hyperakusis, die ein Ausdruck einer Verstimmung sein kann, bis sich eine weiter fortgeschrittene, komplexere Störung wie eine Phonophobie oder Misophobie zeigt.

 

Wenn Lärm Hörverlust, Tinnitus und Hyperakusis auslöst

Eine exzessive Lärmexposition verursacht manchmal gleichzeitig Hörschäden, Tinnitus und Hyperakusis. Dies kann beispielweise nach einem Arbeitsunfall der Fall sein, wenn die professionellen Sicherheitsstandards nicht ordnungsgemäß eingehalten werden, oder im Fall von Umweltunfällen, Kriegen oder militärischen Aktionen. Allerdings kann die Kombination der Störungen auch durch die exzessive Verwendung von Musikplayern mit Kopfhörern oder Ohrhörern auftreten oder beim Hören lauter Musik im Auto, beim Besuch von Pop- oder Rockkonzerten, in Discos oder im Ergebnis von künstlerischen oder musikalischen Aktivitäten. In Italien ist ein Bevölkerungsanteil in Höhe von 12 % im Alter zwischen 12 und 65 Jahren regelmäßig in eine musikalische Aktivität involviert, die mit Expositionsausprägungen assoziiert ist, die potenziell eine Gehörschädigung und eine kombinierte Störung verursachen können. Das gleichzeitige Auftreten von Hörverlust, Tinnitus und Hyperakusis kann zu langen krankheitsbedingten Arbeitsausfällen führen, mit Auswirkungen auf das emotionale und psychische Wohlbefinden und einem negativen Einfluss auf den Verlauf des Tinnitus und der Hyperakusis. Die Geräuschwahrnehmung kann nach einer oder mehreren Episoden von exzessiver Lärmexposition gedämpft werden, und zwar im Ergebnis einer Tensor-Tympani-Muskelstörung. Solch ein Symptom kann nach einem akustischen Schock auftreten und ist häufig mit Hyperakusis assoziiert, dem schwersten und am stärksten beeinträchtigenden Problem für viele Menschen.

 

Prävention und Behandlung

Während die Wahrscheinlichkeit der Entstehung von Tinnitus reduziert werden kann, indem man eine exzessive Lärmexposition vermeidet, ist es schwieriger, eine wirksame "Regel" zur Prävention von Hyperakusis zu formulieren. Der Beginn dieser Erkrankung lässt sich häufig nicht vorhersagen, und die Lärmpegel unterscheiden sich ziemlich deutlich von denen, die Tinnitus oder einen Hörverlust auslösen. Dennoch kann viel getan werden, um sicherzustellen, dass die Symptome früh erkannt und korrekt diagnostiziert werden, wodurch sowohl das Unwohlsein als auch mögliche Komplikationen reduziert werden können. Im Fall von Tinnitus ist es beispielsweise wichtig, die Personen zu überwachen, die einer Lärmbelastung ausgesetzt sind. Im Allgemeinen konzentriert sich die Behandlung von Tinnitus auf Desensibilisierungsstrategien, die darauf ausgerichtet sind, die Toleranzebene zu erhöhen und die exzessive Aktivität der Nervenstrukturen zu reduzieren. Falls Tinnitus mit einem Hörverlust assoziiert ist und ein Hörgerät benötigt wird, erhält der Betroffene normalerweise eine "offene" Lösung, um einen Okklusionseffekt zu vermeiden, oder im noch besseren Fall eine kombinierte Lösung, die zudem noch ein "therapeutisches Geräusch" erzeugen kann, falls ein Bedarf für eine Geräuschtherapie besteht.

Eine Hyperakusis-Behandlung ist komplexer. Die frühen Symptome können ziemlich leicht erkannt werden, z. B. die Angewohnheit zur Vornahme von übermäßigen Schutzmaßnahmen (z. B. Ohrstöpsel immer in Reichweite zu platzieren), die schrittweise Vermeidung von Umgebungen, die als gefährlich wahrgenommen werden, obwohl das nicht der Fall ist, Reaktionen in Form von Angst und Schmerzen während einer Exposition gegenüber Lärm mit geringer Intensität (fließendes Wasser, Papier zusammen knüllen etc.), eine plötzliche Veränderung der Lebensweise und die Tendenz zur Vermeidung sozialer Interaktion. Das sind deutliche Anzeichen, die häufig bereits in der Kindheit auftreten. Eine frühzeitige Diagnose ist von wesentlicher Bedeutung, da sich die Störung häufig zu psychischem und sozialem Unbehagen entwickelt. Leider gibt es für diese Störung immer noch kein Heilmittel, aber es gibt Interventionsstrategien, wie z. B. eine Desensibilisierungsbehandlung auf Grundlage der "Geräuschgewöhnungstherapie" und einer kognitiven Verhaltenstherapie unter Einsatz von niedrigdosiertem Lärm. Das Ziel besteht darin, dass Betroffene schrittweise Techniken erlernen, die ihnen ermöglichen, Lärm in ihrem Umfeld zu tolerieren. Falls gleichzeitig ein Hörverlust vorliegt, sollte die Verwendung von Hörgeräten, die erst nach angemessenen und oftmals langen Rehabilitationszeiträumen angepasst werden können, vermieden werden.

 

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