3. Wie reagieren wir auf Lärm?

1. Lärmkrankheit
2. Urbanisierung als Hauptursache der Lärmbelastung
3. Wie reagieren wir auf Lärm?
4. Lärmprävention: lärmbedingten Hörschäden vorbeugen
5. Wenn es im Ohr "rauscht"
6. Vertiefung 5. Teil: Tinnitus und Hyperakusis
7. "Let's make noise" 

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Jeder von uns reagiert anders auf ein und denselben Geräuschstimulus, und es gibt viele Variablen, die unsere Lärmakzeptanz beeinflussen. Beispielsweise hat der Kontext eine beträchtliche Auswirkung auf die Verstimmung, die durch Lärm ausgelöst wird. Die Umfrage von GfK Eurisko zeigt, dass junge Leute den negativen Konsequenzen exzessiven Lärms auf die Stimmung stärker ausgesetzt sind als andere Altersgruppen. Das kann auf die Lebensweise junger Erwachsener zurückzuführen sein, die sich der Arbeit und Familie verpflichtet fühlen und sich daher stärker durch Lärm irritieren lassen, wobei es sich dabei um einen weiteren Stress erzeugenden Faktor handelt, der zu der Vielzahl der anderen Stressfaktoren im alltäglichen Leben dazukommt. Unsere Reaktion auf Lärm wird auch durch die Bedeutung beeinflusst, die Lärm für jeden von uns hat. Ein Flughafenangestellter wird den Lärm eines Flugzeugs tolerieren können, da dieser Teil seiner Existenzgrundlage ist, während Menschen, die in der Nähe eines Flughafens leben, ein und dieselben Geräusche als unerträglich betrachten werden, weil sie das Gefühl haben, diese nicht kontrollieren zu können und vielleicht die Befürchtung haben, dass sie in einen Flugzeugabsturz verwickelt werden könnten.

Die Umfragedaten zeigen, dass sich die Menschen erstaunlich gut an Lärm anpassen können. Die Anzahl der Personen, die sagen, dass sie den Lärm kaum bemerken oder sich davon nicht gestört fühlen, beträgt überall mehr als 50 %, mit Spitzenwerten von über 70 % in Großbritannien und den USA, wo sich die lautesten Städte befinden. Tatsache ist, dass jeder von uns eine Anpassungs- oder Dissonanzreaktion auf die Umgebung und unsere Lebensbedingungen haben kann. Dies wird in der Tabelle unten unterstrichen. Eine Anpassung erfolgt, wenn eine Person trotz objektiv negativer Bedingungen dennoch zufrieden ist und sich wohlfühlt; dagegen gehört zu einer Dissonanz das Gefühl, dass die Lebensqualität schlecht ist, obwohl objektiv positive Bedingungen herrschen.

1. Bedingungen in Bezug auf die Lebensqualität

 

Kulturelle und subjektive Variablen beim Lärmempfinden

Demzufolge reagieren die Menschen unterschiedlich auf Lärm. Eine Anpassung kann beispielsweise erfolgen, wenn man sich in einer Disco aufhält und die ohrenbetäubende Lautstärke toleriert, weil sie Teil des Erlebnisses ist. Andere Gründe für eine Anpassung sind, dass einem die negativen Effekte des Lärms nicht bewusst sind oder dass man Lärm sogar für einen unverzichtbaren Bestandteil des Stadtlebens im Zusammenhang mit den kulturellen Stimuli hält. In New York und Neapel erwarten die Bewohner gar nicht, dass es still ist. Lärm wird als wesentlicher Bestandteil der lokalen Kultur betrachtet, wodurch die Anpassungsquote an den Lärm hoch ist. Im Gegensatz dazu kann eine Dissonanz auftreten, wenn unser Umfeld zwar leise ist, aber unsere Erwartungen hoch sind. Das urbane Chaos kann inakzeptabel erscheinen, wenn man gerade vom Land in die Stadt gezogen ist. Ebenso kann auch die leichteste Beeinträchtigung unerträglich erscheinen, wenn man viel Geld für eine Wohnung in einem bestimmten Stadtteil investiert hat. Wenn jemand einen Job hat, der ein großes Maß an Konzentration verlangt, kann nur absolute Stille erträglich erscheinen.

All diese Faktoren haben einen beträchtlichen Einfluss auf die Lebensqualität. Lärm kann unsere Lebensbedingungen entweder verbessern oder verschlechtern. In einigen Fällen zeigt sich das Bewusstsein bezüglich der negativen Auswirkungen von Lärm deutlich, während in anderen Fällen niedrige Erwartungen oder eine Art von "Lärmabhängigkeit", die sich im Umfeld von Städten oder in einigen Kulturen entwickelt hat, dazu führt, dass die Menschen sich durch exzessiven Lärm nicht gestört fühlen. Der Unterschied zwischen der objektiven Lärmexposition und der subjektiven Beurteilung wird durch viele kulturelle Aspekte vermittelt, die Berücksichtigung finden müssen: Die Schwelle zwischen akzeptablem und nichtakzeptablem Lärm verändert sich ständig auf Grundlage der individuellen Werte, Erfahrungen und Gewohnheiten. Während beispielsweise Straßenlärm in bestimmten Kulturen als unverwechselbarer Faktor und wesentlicher Bestandteil des Zugehörigkeitsgefühls zur Gemeinschaft oder sogar als Kommunikationsmethode der Bevölkerung angesehen wird, wird Stille unter anderen Rahmenbedingungen als Zeichen der Exklusivität und sozialen Selektion betrachtet. Daher kann ein und derselbe Lärmpegel gegenteilige Bedeutungen haben, und zwar in Abhängigkeit von den Personen, die dem Lärm ausgesetzt sind.

Neben kulturellen und subjektiven Variablen beeinflussen auch andere Faktoren die Wahrnehmung von Lärm. Einige Bevölkerungsgruppen sind empfindlicher als andere, sie fühlen sich durch exzessive Lärmexposition stärker gestört und neigen eher dazu, negative Auswirkungen auf ihre Gesundheit zu erleiden. Außerdem zeigt sich bei nicht mit dem Gehör zusammenhängenden Schäden, die durch Lärmverursacht werden, keine Dosis-Wirkungs-Relation. Es ist nicht die Akkumulierung von Geräuschenergie, die den größten Schaden anrichtet, sondern es sind die individuellen Umstände, die den Umfang des Schadens bestimmen. Eine Exposition gegenüber 85 Dezibel (dBA) am Arbeitsplatz kann weniger Stressverursachen als 65 dBA in der eigenen Wohnung, wenn man sich entspannen will, oder 50 dBA, wenn man gerade einschlafen möchte. Des Weiteren ist die Exposition in bestimmten Situationen schädlicher, und zwar in Unabhängigkeit von den persönlichen Anpassungsfähigkeiten. Dies ist beispielsweise in Schulen der Fall, wenn Lärm die Lernfähigkeiten der Kinder beeinträchtigt. Wenn der Lärm sehr intensiv ist und lange andauert, wie es bei Schulen in der Nähe von Flughäfen der Fall ist, kann er das Leseverstehen und das Langzeitgedächtnis der Kinder beeinflussen. Und letzten Endes sind auch Krankenhäuser Orte, in denen Lärm sehr störend wirkt, da es den Patienten dadurch sehr viel schwerer fällt, zu schlafen oder sich zu entspannen, was negative Auswirkungen auf ihre Genesung haben kann.

Außerdem treten Schäden, die durch Lärm hervorgerufen werden, häufiger bei den empfindlichsten Personen auf, deren Anteil an der Bevölkerung schätzungsweise bei 8 bis 12 % liegt. Leider ist es zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht möglich, im Vorfeld die im Allgemeinen aus genetischen Gründen empfindlichsten Personen zu identifizieren. Die einzigen Präventionsmaßnahmen bestehen daher in der Informationsverbreitung und von Experten durchgeführten Hörtests bei gefährdeten Personen, zu denen zum Beispiel Personen gehören, die auf der Arbeit großem Lärm ausgesetzt sind. Im Allgemeinen gelten in den Ländern spezifische Vorschriften zum Schutz und zur Sicherung des Gehörs der Personen, die einem hohen Risiko bezüglich eines akustischen Traumas ausgesetzt sind.

 

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