1. Lärmkrankheit

1. Lärmkrankheit
2. Urbanisierung als Hauptursache der Lärmbelastung
3. Wie reagieren wir auf Lärm?
4. Lärmprävention: lärmbedingten Hörschäden vorbeugen
5. Wenn es im Ohr "rauscht"
6. Tinnitus und Hyperakusis
7. "Let's make noise" 
weitere Informationen zum Konsensuspapier

 

Wir sind von Lärm umgeben; er ist überall, innerhalb des geschäftigen Stadtlebens und sogar bei uns zu Hause. Intensive Geräusche kommen aus dem Radio und dem Fernseher, aus den Kopfhörern, wenn wir Musik hören, und von den Haushaltsgeräten. Wir müssen uns häufig ziemlich anstrengen, um einem Gespräch in einem Restaurant folgen zu können, und fühlen uns manchmal von der lauten Geräuschkulisse des Straßenverkehrs überwältigt. Vielen Menschen macht der andauernde invasive Lärm tagsüber und sogar nachts schwer zu schaffen, und zwar nicht nur in Discos oder an überfüllten Orten, sondern auch am Arbeitsplatz. Langfristig kann der Lärm diverse Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden haben und eine regelrechte "Lärmkrankheit" hervorrufen.

 

Wo ist die Lärmbelastung am höchsten?

Eine aktuelle Umfrage mit dem Ziel, ein besseres Verständnis für die Art und die Anzahl der Geräusche zu erlangen, denen wir ausgesetzt sind, und insbesondere deren Einfluss auf die Gesundheit zu untersuchen, wurde von GfK Eurisko unter Beteiligung von 8.800 Erwachsenen durchgeführt, die die Allgemeinbevölkerung aus 47 Städten in 11 Ländern repräsentieren, zu denen Italien, Frankreich, Deutschland, die Niederlande, Belgien, Großbritannien (UK), Spanien, Portugal, die USA, Australien und Neuseeland gehören. Zu den Geräuschen, denen die Menschen am häufigsten ausgesetzt sind und die die stärkste Belästigung verursachen, gehören zuallererst Außenlärm, Straßenlärm und Lärm, der vom öffentlichen Nahverkehr verursacht wird (83 %), gefolgt von Musik, Fernsehen und Radio bei voller Lautstärke (42 %), Gesprächen zwischen Personengruppen (28 %) und Geräuschen von Haushaltsgeräten in der Wohnung (20 %). Jüngere Generationen sind im Allgemeinen mehr Lärm ausgesetzt als Personen im Alter von über 55 Jahren, die auf individuelle Weise Situationen zu vermeiden versuchen, in denen sie übermäßigem Lärm

Ausgesetzt sein könnten. Die Lärmbelastung ist jedoch nicht überall auf der Welt gleich stark ausgeprägt. Tatsächlich ist gemäß der Angaben der befragten Personen die durchschnittliche Lärmexposition in den USA und Italien höher als in den anderen Ländern. Deutschland und die Niederlande werden dagegen als die am wenigsten lärmbelasteten Länder angesehen. Die geringe Lärmbelastung des letztgenannten Landes resultiert wahrscheinlich aus der besseren Kontrolle der Lärmquellen. Eine von drei befragten Personen ist der Meinung, dass der Lärm in den vergangenen Jahren zugenommen hat, wobei der prozentuale Anteil in Italien mit 41 % am höchsten und in den Niederlanden mit 29 % am niedrigsten ausfiel.

1. Index der Lärmeblastung weltweit

 

Rund 28 % der Bevölkerung ist einer erhöhten Lärmbelastung ausgesetzt

Der Index ENPI (Exposure Noise Pollution Index) wurde unter Berücksichtigung der Anzahl, Häufigkeit und Länge der Exposition gegenüber unangenehmen Geräuschen definiert und als hoch, mittelhoch, mittelniedrig bzw. niedrig klassifiziert. Er ist hoch, wenn eine Person mehr als neun (>9) Arten von Lärm für mehr als acht Stunden pro Tag ausgesetzt ist, mittelhoch bei einer Exposition gegenüber 2 – 9 Lärmarten für mehr als acht Stunden pro Tag, mittelniedrig bei einer Exposition gegenüber 2 – 9 Lärmarten für weniger als acht Stunden pro Tag und niedrig bei 0 – 1 Lärmarten pro Tag. Aus den gesammelten Daten geht hervor, dass durchschnittlich 28 % der Bevölkerung einen hohen oder mittelhohen ENPI aufweisen. Der Index fällt auf 18 % bei Personen im Alter von über 55 Jahren, und es bestehen beträchtliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern, die sich im Bereich zwischen dem Maximalwert von 40 % in der Bevölkerung mit hohem oder mittelhohem ENPI in den USA und dem Minimalwert von 14 bis 15 % in Deutschland und den Niederlanden bewegen (siehe Infografik 2). In Den Haag haben gerademal 9 % der Einwohner einen hohen oder mittelhohen ENPI, während der Anteil in Hamburg 13 %, in Neapel 32 %, in Los Angeles 45 % und in New York bemerkenswerte 55 % beträgt.

Dank der Umfrage konnten wir die Korrelation zwischen der Wahrnehmung des Lärms durch die Einwohner und den verschiedenen daraus resultierenden Erkrankungen untersuchen. Die Ergebnisse zeigen, dass eine hohe oder mittelhohe Exposition gegenüber Lärm, die bei 28 % der Bevölkerung registriert wurde, den Anteil der berichteten Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, Nervosität und Angst in etwa verdoppelt. Ebenso war eine erhöhte Lärmexposition mit einem beinahe doppelt so hohen Anteil an berichteter Schlaflosigkeit und Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen und Kopfschmerzen assoziiert. New York ist die Stadt mit der höchsten Lärmexposition und den schwersten Auswirkungen auf das psychische und physische Wohlbefinden, gefolgt von Neapel, London, Paris und Brüssel.

Zu den Ländern, in denen der Zusammenhang zwischen der Lärmexposition und schlechterer Stimmung sowie schlechterem psychischem und physischem Wohlbefinden deutlich erkennbar ist, gehören die USA, Großbritannien, Italien und Belgien. Deutschland, die Niederlande und Spanien scheinen dagegen weniger betroffen zu sein, da die Belastung durch exzessiven Lärm in diesen Ländern im Allgemeinen geringer ist. Australien und Neuseeland sind die einzigen Länder mit hoher Lärmexposition, aber geringen Auswirkungen auf die Stimmung und die Gesundheit.

2. Auswirkungen von Lärm auf unser Wohlbefinden

Der Zusammenhang zwischen dem ENPI und dem Gehör ist ebenso evident. Der Hearing-Index, der Parameter wie die Fähigkeit zur Akzeptanz von Hintergrundgeräuschen während eines Gespräches mit dem Ziel des Verstehens einer sprechenden Person bei starken Hintergrundgeräuschen bzw. des vollumfänglichen Verstehens einer sprechenden Person in einem relativ leisen Raum berücksichtigt, fällt in "leiseren" Ländern wie Deutschland besser aus, wo 23 % der Bevölkerung über einen guten Hearing-Indexverfügen, im Vergleich zum Durchschnittswert von 18 % für die Gesamtheit der anderen Länder. Durchschnittlich etwa eine von drei Personen gibt an, über ein suboptimales Gehör zu verfügen. Tatsächlich haben 28 % der befragten Personen einen schlechten Hearing-Index, was auf eine Beeinträchtigung des Gehörs hinweist, mit Höchstwerten von 34 % bei den über 55 -Jährigen.

Die Daten zeigen deutlich, dass eine Erhöhung des ENPI, und damit eine Erhöhung des prozentualen Anteils der Personen, die der höchsten Lärmexposition ausgesetzt sind, zu einer entsprechenden Erhöhung des Prozentsatzes der Bevölkerung mit einem niedrigen Hearing-Index führt: Ein hoher ENPI erhöht die Wahrscheinlichkeit, Probleme mit dem Gehör zu bekommen, um beinahe 30 %. Der Einfluss der Lärmbelästigung auf den Hörverlust ist besonders stark in Neuseeland, Australien, Portugal, Großbritannien und Belgien ausgeprägt.

3. Zusammenhang Lärmbelastung und Hearing-Index

 

Auswirkungen von Lärm auf unsere Gesundheit

Die Daten stehen im Einklang mit der wissenschaftlichen Literatur, die zu diesem Thema veröffentlicht wurde. Es ist seit Langem bekannt, dass Lärm die Menschen stört und belästigt, weil Lärm als Eingriff in den Alltag wahrgenommen wird, wobei die Auswirkungen mit steigender Geräuschintensität zunehmen. Exzessiver Lärm wird außerdem mit steigenden Fallzahlen von Angststörungen assoziiert mit einer Erhöhung der Verschreibungen von Beruhigungsmitteln um 60 % sowie mit der Entstehung von Schlafstörungen. Eine Lärmexposition führt insbesondere in der Nacht zu Schlafproblemen, wodurch eine Kettenreaktion ausgelöst werden kann, die gesundheitsgefährdend ist. Ein Beispiel für diese möglicherweise auftretende Kettenreaktion ist in der Abbildung unten dargestellt. Der Lärm von Flugzeugüberflügen erhöht das kardiovaskuläre Risiko bei einer durchschnittlichen 6-mm-Hg-Erhöhung des Blutdrucks entsprechend den Aufzeichnungen nach einer intensiven Lärmexposition während des Schlafens. Es gibt Theorien, dass Lärm insbesondere in der Nacht zur Produktion von Stresshormonen führt, was schädlich ist, wenn dies während des Schlafens geschieht, da dadurch bekanntermaßen eine Beeinträchtigung der Herz- und Blutgefäßfunktion erfolgt. Demzufolge können Stresshormone einen direkten negativen Einfluss auf das kardiovaskuläre System haben. In mehreren aktuellen Studien wurde Lärmbelästigung als kardiovaskulärer Risikofaktor betrachtet und bewiesen, dass Lärm, insbesondere wenn er durch den Straßenverkehr durch einen nahegelegenen Flughafen verursacht wird, den Blutdruck und das Risiko für einen Herzinfarkt, Schlaganfall, die Einweisung in ein Krankenhaus sowie das Mortalitätsrisiko erhöht, welches mit kardiovaskulären Erkrankungen assoziiert ist.

4. Lärmwirkungsmodell nach Babisch (2014)

Den Daten zufolge steigt beispielsweise das Bluthochdruckrisiko um 10 - 30 % pro 5 Dezibel Steigerung der Lärmbelastung. Wie in einer vor Kurzem veröffentlichten Studie berichtet wurde, würde eine Senkung des Lärms um nur 5 Dezibel ausreichen, um die Bluthochdruckinzidenz um 1,4 % und die Inzidenz von koronaren Erkrankungen und Herzinfarkten um 1,8 % zu reduzieren. In Italien würde dies beispielsweise für eine Reduzierung um mehr als 200.000 Bluthochdruckfälle und mindestens 2.000 Fälle von Herzstillstand sorgen. Des Weiteren berichtete eine kürzlich im European Heart Journal veröffentlichte Studie, die auf der Londoner Bevölkerung mit 8,6 Millionen Einwohnern basiert, dass in Bereichen, in denen der Straßenverkehrslärm einen Wert von 60 Dezibel (dBA) übersteigt, 4 % mehr Todesfälle auftreten und das Schlaganfallrisiko um 5 % höher ist als in ruhigeren Gegenden, wo der Geräuschpegel unter 55 dBA liegt, und dass das Risiko für die Einweisung in ein Krankenhaus aufgrund eines Schlaganfalls bei älteren Menschen auf 9 % steigt. Und schließlich berichten Studien, dass die Exposition gegenüber Umweltlärm mit einer Steigerung der Wahrscheinlichkeit der Entwicklung von Diabetes um etwa 10 – 15 % innerhalb eines Zeitraums von 5 Jahren assoziiert ist. Jede Erhöhung des Geräuschpegels um 5 Dezibel steht im Zusammenhang mit einer Erhöhung des Risikos für zentrale Adipositas um 18 % und einer Zunahme des Risikos für die Entwicklung eines exzessiven Taillenumfangs um 29 %, was zwei der Indikatoren für ein höheres kardiovaskuläres und metabolisches Risiko sind, wobei zu beachten ist, dass dieses Ergebnis nicht mit allen anderen Studien übereinstimmt.

Auch der Schaden, den exzessiver Lärm in Bezug auf das Gehör verursacht, konnte nachgewiesen werden. Eine häufige, längere Exposition gegenüber Lärm mit einem Geräuschpegel von über 75 – 85 Dezibel (dBA) schädigt die Haarzellen des Innenohres und führt zu einer irreversiblen chronischen Erkrankung (eine Liste der am häufigsten auftretenden Geräuschpegel ist in der Tabelle unten aufgeführt). Wenn wir intensiven Geräuschen ausgesetzt sind, nimmt unsere Sensitivität bezüglich der Wahrnehmung schwacher Geräusche ab. Eine "Schwellenverschiebung", die durch eine einzige Exposition verursacht worden ist, verschwindet normalerweise nach einigen Stunden, insofern der Betroffene in eine ruhige Umgebung zurückkehrt, daher wird sie als "temporäre Schwellenverschiebung" (temporary threshold shift/TTS) bezeichnet. Wenn jedoch die Exposition gegenüber dem Lärm wiederholt auftritt, kann der Verlust der Sensitivität zu einer dauerhaften Erscheinung werden. In der Vergangenheit ging man im Allgemeinen davon aus, dass es im Falle einer temporären Schwellenverschiebung zu keiner permanenten Schädigung des Gehörs kommt. Neue Untersuchungsergebnisse legen jedoch nahe, dass durch die Lärmexposition die Nervenfasern geschädigt werden können, und zwar auch, wenn der Lärm nur für eine TTS gesorgt hat. Dadurch kommt es zu einer Gehörschädigung, die bei der traditionellen klinischen Messung des Hörvermögens mittels Audiogramm nicht erfasst wird.

 

 

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Dies ist die Webversion des Konsensuspapieres. Auf der Seite "Auswirkungen des Lärms" können Sie die Publikation als PDF- oder Print-Version anfordern.

 

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