2. Die Beziehung zwischen Hörverlust und Diabetes

1. Soziales Szenario und Epidemiologie
2. Die Beziehung zwischen Hörverlust und Diabetes
3. Diabetische Cochleopathie
4. Die Folgen für die Hörgeräte-Versorgung
5. Schlussfolgerung

 

Die erste bekannte Publikation zur Beziehung zwischen Diabetes und Hörverlust ist ein Fallbericht über die Hörbehinderung in Kombination mit dem einsetzenden diabetischen Koma, der von Jordao im Jahr 1857 geschrieben wurde. Davor hatten sich Diabetesforschungen auf die lebensbedrohlichen Komplikationen der Krankheit konzentriert.

In den 90er-Jahren wurden mehrere Studien zur Beziehung zwischen Diabetes und Hörverlust durchgeführt, die jedoch keine eindeutigen Ergebnisse lieferten.

 

Diabetes und Hörverlust

In letzter Zeit hat die deutliche Zunahme der Diabetes-Prävalenz zu vielen umfangreichen Langsschnittstudien zu den Risikofaktoren von Diabetes geführt. 2013 haben Horikawa et al. eine Metaanalyse der veröffentlichten Studien zur Beziehung zwischen Diabetes und dem Risiko der Hörbehinderung durchgeführt. Sie fanden 3169 Zitate: 355 potenziell relevante Studien wurden ausführlicher untersucht und letztendlich wurden 13 Studien (20.194 Teilnehmer und 7377 Falle) in die Analyse aufgenommen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass unabhängig von ihrem Alter diabetische Patienten ein 2,15-mal höheres Risiko hatten, einen Hörverlust zu erleiden, als nicht diabetische Patienten. Der Zusammenhang war deutlicher bei Patienten bis 60 Jahre (Odds Ratio: 2,61) als bei Patienten, die älter als 60 Jahre waren (Odds Ratio: 1,51). Der deutliche Zusammenhang bei jüngeren im Vergleich zu älteren Erwachsenen konnte an der höheren Prävalenz von lärminduziertem Hörverlust bei älteren Menschen liegen, der potenziell eine Beziehung zwischen Diabetes und Hörverlust in dieser Gruppe verdeckt.

Diabetische Patienten haben unabhängig von ihrem Alter ein doppelt so hohes Risiko (2,15-mal höher), einen Hörverlust zu erleiden, wie nicht diabetische Patienten (Metaanalyse von Horikawa et al. 2013).

 

Typ-2-Diabetes und Hörverlust

Im März 2004 haben Akinpelu et al. eine systematische Überprüfung und Metaanalyse zu dem Zusammenhang zwischen Typ-2-Diabetes und Hörverlust durchgeführt. Sie ermittelten 2666 Titel zu diesem Thema. Davon wurden 67 Studien ausführlicher untersucht: 18 wurden in die Metaanalyse aufgenommen.

Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Patienten mit Typ-2-Diabetes ein deutlich höheres Risiko hatten, zumindest eine leichte Form des Hörverlusts im Vergleich zur Kontrollgruppe zu erleiden.

Das Risiko für eine Hörbehinderung war 1,91-mal höher bei Patienten mit Typ-2-Diabetes als bei den Kontrollgruppen (nicht diabetische Probanden). Die diabetische Gruppe zeigte ein schlechteres Hörvermögen bei allen Frequenzen, am deutlichsten jedoch bei 6000 und 8000 Hz. Außerdem waren die akustisch evozierten Hirnstammpotenziale in der diabetischen Gruppe deutlich verzögert.

Panchu führte eine Studie mit Probanden zwischen 35 und 55 Jahren durch und stellte einen signifikant erhöhten Hörverlust bei den diabetischen Probanden (DM Typ 2) im Vergleich zu einer Kontrollgruppe fest (Grafik 3).

Gemäß der Metaanalyse von Akinpelu et al. hatten Menschen mit Typ-2-Diabetes ein um 1,91-mal höheres Risiko, eine zumindest leichte Hörbehinderung im Vergleich zu gesunden Probanden zu entwickeln.

 

Typ-1-Diabetes und Hörverlust

Wir sind auf keine systematische Überprüfung oder Metaanalyse zur Beziehung zwischen Typ-1-Diabetes und Hörverlust gestoßen, jedoch wurden mehrere Fall-Kontrollstudien durchgeführt.

Pessin et al. haben 40 Probanden mit Typ-1-Diabetes im Vergleich zu einer angepassten Kontrollgruppe mit 20 Probanden untersucht. In dieser Stichprobe waren die Hörschwellen signifikant höher in der diabetischen Gruppe als in der Kontrollgruppe, und das bei allen Frequenzen (250, 500, 1000, 2000, 4000 und 8000 Hz). Darüber hinaus trat der Hörverlust häufiger bei Patienten mit einer hohen Plasma-Glukose-Konzentration auf. Bei acht Ohren in der diabetischen Gruppe mit einem normalen Audiogramm waren die akustisch evozierten Hirnstammpotenziale verzögert.

2010 haben Mozaffari et al. eine Studie veröffentlicht, in der sie 80 nicht öltere Probanden mit Diabetes (9 Typ 1 / 71 Typ 2) mit einer angepassten Kontrollgruppe mit 80 Probanden verglichen haben. Das Risiko für eine Hörbehinderung war in der diabetischen Gruppe 3,5-mal höher als in der Kontrollgruppe. Die höhere Prävalenz des Hörverlusts war im Wesentlichen identisch mit der Prävalenz von Typ-1- und Typ-2-Diabetes.

2012 haben Malucelli et al. eine Studie zur Prävalenz der Hörbehinderung bei Patienten mit Typ-1-Diabetes mellitus durchgeführt. Sie verglichen 30 Probanden mit Typ-1-Diabetes (13 weibliche, 17 männliche Probanden) mit einer angepassten Kontrollgruppe mit 30 Probanden. Bei den Diabetikern waren die Hörschwellen signifikant höher als bei denen der Kontrollgruppe bei 250, 500, 10.000, 11.200, 12.500, 14.000 und 16.000 Hz für beide Ohren.

Fukuda et al. haben eine Studie durchgeführt, bei der sie die Hörschwellen von 30 Kindern (durchschnittlich 10 Jahre alt), die an Typ-1-Diabetes litten, mit einer altersangepassten, nicht diabetischen Kontrollgruppe verglichen. Die diabetischen Kinder hatten signifikant höhere Hörschwellen bei 250, 500, 2000, 3000, 4000, 6000, und 8000 Hz. Jedoch gab es keinen signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen bezüglich der Sprachaudiometrie, der Hochfrequenzaudiometrie und der otoakustischen Emissionen (Aktivität der aüßeren Haarzellen im Innenohr).

 

Schlussfolgerung

2010 hat die Weltgesundheitsorganisation im „Faktenblatt Diabetes“ die folgenden Gesundheitsfolgen von Diabetes beschrieben:

„Erhöhte Blutzuckerwerte sind eine häufige Folge von unkontrolliertem Diabetes, die mit der Zeit das Herz, die Blutgefäße, die Augen, Nieren und Nerven schädigen können. Einige Gesundheitskomplikationen durch Diabetes umfassen: Die diabetische Retinopathie ist eine signifikante Ursache für die Erblindung und tritt als Folge einer anhaltenden, akkumulierten Schädigung der kleinen Blutgefäße in der Retina auf. Nach 15 Jahren Diabetes entwickeln ungefähr 10 % der Patienten eine schwere Beeinträchtigung ihres Sehvermögens.

• Die diabetische Neuropathie bezeichnet Nervenschädigungen infolge von Diabetes und betrifft bis zu 50 % der Diabetiker. Allgemeine Symptome sind Kribbeln, Schmerzen, Taubheits- oder Schwächegefühle in den Füßen und Händen.

• Kombiniert mit einer reduzierten Durchblutung erhöht die Neuropathie in den Füßen das Risiko für Fußulcera und mögliche Beinamputationen.

• Diabetes gehört zu den führenden Ursachen für Nierenversagen; 10–20 % der Diabetiker sterben an einem Nierenversagen.

• Diabetes erhöht das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle; 50 % der Diabetiker sterben an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung (vorwiegend Herzinfarkt und Schlaganfall).“
Beachten Sie, dass die Auswirkungen auf das Horvermogen uberhaupt nicht erwahnt werden.

In ihrem Artikel von 2009 hat Bainbridge die Forschungsergebnisse zur Beziehung zwischen Diabetes und Hörverlust zusammengefasst. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die höhe Prävalenz der Hörbehinderungen bei Diabetikern bei der routinemäßigen Überweisung zur Audiometrie berücksichtigt werden muss.

Der US-amerikanische Bundesstaat North Carolina hat 2011 damit begonnen, die o. g. Empfehlung umzusetzen. Dowd beschreibt diese Empfehlung in ihrer Arbeit:

„Aufgrund der hohen Prävalenz von Diabetes in North Carolina, der Folgen des Hörverlusts und der Verbindung zwischen Diabetes und Hörverlust hat das Zentrum für Diabetesprävention und -kontrolle in North Carolina Hörtests in seinen strategischen Plan für 2011 für Diabetes-Aufklärungsprogramme in North Carolina aufgenommen.

April Reese, Leiter der Niederlassung, hat daran mitgewirkt, Hörtests bei Diabetikern in das Aufklärungsprogramm für Diabetes mit aufzunehmen. Der neue Plan fordert eine bessere Untersuchung und Behandlung von Diabetes, indem Gesundheitsfachleute ermuntert werden, den Richtlinien der American Diabetes Association zu folgen und Mund- und Gehöruntersuchungen im Rahmen der Grundbewertung für Diabetiker mit aufzunehmen. Der North-Carolina-Plan fordert ein stärkeres Bewusstsein für seltenere Begleiterkrankungen in Verbindung mit Diabetes, unter anderem Hörverlust und Schlafapnoe.“

Die vorhandenen Forschungsergebnisse stützen die Schlussfolgerung, dass Hörverlust als eine Komplikation von Diabetes anerkannt werden sollte. Die Bewertung und Behandlung von Hörproblemen in Zusammenhang mit Diabetes sollte zu einer Standardkomponente der Diabetesversorgung werden.

Es gibt überzeugende Belege in von Experten geprüften Studien und Metaanalysen, die eine Beziehung zwischen Hörvermogen und Diabetes mellitus, vor allem Typ-2-Diabetes, unterstützen. Weitere Forschungen sind erforderlich, um die Rolle von Typ-1-Diabetes bei Hörbehinderungen zu verdeutlichen. Nichtsdestotrotz stützen die bestehenden Forschungsergebnisse die Schlussfolgerung, dass der Hörverlust nicht länger eine zu wenig beachtete Komplikation von Diabetes bleiben sollte. Die Bewertung und Behandlung von Hörproblemen in Zusammenhang mit Diabetes sollten zu einer Standardkomponente der Diabetesversorgung werden.

 

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Dies ist die Webversion des Konsensuspapieres.
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